Es gibt Filme, die allein durch große Namen Erwartungen wecken. "Revenge of the Green Dragons" ist so einer. Mit Martin Scorsese als Produzent versehen, suggeriert der Titel cineastische Wucht, intensive Charakterstudien und eine unvergessliche Reise in die dunklen Winkel der menschlichen Seele. Doch was als intensives Gangsterepos beginnt, verliert sich zusehends im Schatten seiner eigenen Ambitionen.

Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten: Zwei chinesische Einwanderer, Sonny und Steven, kommen in den 1980er Jahren nach New York City und werden Teil der berüchtigten Gang "Green Dragons". Der Film begleitet ihren Aufstieg in einer Welt voller Gewalt, Loyalität und innerer Zerrissenheit. Besonders interessant ist dabei, dass Figuren wie "Snakehead Mama" lose auf realen Personen wie der berüchtigten Schmugglerin Sister Ping basieren, die in den 90er Jahren tausende Menschen nach Amerika brachte. Diese historische Grundlage verleiht dem Film eine gewisse Relevanz, die leider nicht voll ausgeschöpft wird.
Regisseur Andrew Lau, bekannt durch das Hongkong-Meisterwerk "Infernal Affairs", versucht zusammen mit Andrew Loo diese Geschichte im Stile eines Crime-Thrillers amerikanischer Prägung zu erzählen. Visuell funktioniert das anfangs recht gut: Düstere Straßen, flackerndes Neonlicht, kulturelle Spannungen in Chinatown – die Atmosphäre ist greifbar. Gerade in den ersten dreißig Minuten gelingt es dem Film, eine dichte, beinahe dokumentarisch wirkende Stimmung zu erzeugen. Man glaubt, den Schweiß und die Angst der Straßen zu spüren, die permanente Spannung zwischen Herkunft und Anpassung an die amerikanische Gesellschaft.

Doch die Erzählung verliert an Tiefe. Wo "Infernal Affairs" noch mit moralischer Ambiguität und innerer Spannung brillierte, bleibt "Revenge of the Green Dragons" oberflächlich, häufig klischeehaft und dramaturgisch inkonsistent. Charakterentwicklungen bleiben flach, emotionale Wendepunkte verpuffen wirkungslos. Besonders die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren, Sonny und Steven, hätte das emotionale Rückgrat des Films sein können – doch sie wird nie ausreichend vertieft, um wirklich mitzufühlen.
Dass Martin Scorsese als Produzent genannt wird, wirkt im Nachhinein wie ein großer Werbebanner über einem mittelklassigen Gangsterdrama. Auch Ray Liotta, der als FBI-Agent auftritt, bleibt nur kurz auf der Bildfläche. Seine Rolle scheint kaum mehr als ein weiterer Zug, den Zuschauer ins Kino zu locken. Wer seine prägende Präsenz aus "Goodfellas" kennt, wird hier sicherlich enttäuscht sein. Liottas Figur wirkt wie ein erzählerisches Fragment – eingeführt, um Tiefe und Gegenperspektive zu bieten, aber letztlich kaum genutzt.

Nichtsdestotrotz hat der Film seine Momente. Wenn man mit niedrigen Erwartungen an ihn herangeht, bietet er eine kurzweilige, wenn auch nicht besonders nachhaltige Unterhaltung. Das Setting, die Idee und der historische Hintergrund bergen durchaus Potenzial. Leider bleibt dieses weitgehend ungenutzt. Einige Sequenzen – etwa der Blick hinter die Kulissen der Gangstruktur, das Aufeinandertreffen verschiedener ethnischer Gruppen in New York oder die Darstellung von Polizeigewalt – lassen aufblitzen, was möglich gewesen wäre.
Ein Lichtblick ist der Soundtrack: Elektronisch und düster unterstreicht er die beklemmende Atmosphäre des Films. Auch die Kameraarbeit verdient Lob – mit schnellen Schnitten und interessanten Perspektiven gelingt es dem Film, zumindest visuell Spannung zu erzeugen.
"Revenge of the Green Dragons" ist kein schlechter Film – aber eben auch kein guter. Zwischen realer Vorlage und filmischer Umsetzung klafft eine Lücke, die durch stylische Bilder nicht zu überbrücken ist. Ein Paradebeispiel für die Diskrepanz zwischen Erwartung und Ergebnis, zwischen Marketing und Inhalt. Gerade für Fans von Scorsese-Filmen wirkt dieses Werk eher wie ein missglückter Versuch, dessen Handschrift zu kopieren, ohne die Tiefe und Finesse zu erreichen, die seine Werke sonst auszeichnet.

Wer sich dennoch auf die Geschichte einlässt, bekommt einen Blick in eine wenig beleuchtete Ecke der amerikanischen Einwanderungsgeschichte – und vielleicht reicht das ja schon, um den Film als einen Anstoß zu sehen, sich tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Realität hinter den Green Dragons ist zweifellos spannender als ihre filmische Umsetzung.
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Matt McKenzie
Sternenwanderer, Wortschmied – Matt McKenzie erkundet die Grenzen des Vorstellbaren und schreibt darüber, als wäre er mittendrin. Fantasie trifft Technik in der Sternen Schmiede.
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